DKP Krefeld/Viersen


Warum ist die Rebellion nicht die Regel?

"Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Imperialismus und jenem ungeheuer widerwärtigen Sieg, den der Opportunismus (in Gestalt des Sozialchauvinismus) über die Arbeiterbewegung in Europa davon getragen hat?" So fragte Lenin im Oktober 1916 und die Antwort suchte er in einer Klassenanalyse. Seine Schrift "Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus" wurde zum Klassiker. Wer untersucht heute die neue, ungeheure Rechtsentwicklung der Sozialdemokratie auf Lenin'sche Art?

Zweite Frage: Es scheint fast so, als bemühe sich die Wirklichkeit die Kriterien der längst widerlegten maoistischen Theorie des "modernen Revisionismus" nachträglich zu erfüllen. Wieso?

Für diejenigen die Anfang der 70er nicht dabei waren: Die These vom "modernen Revisionismus" ging von einer allgemeinen Rechtsverschiebung des Parteienspektrums aus, wodurch auf der Linken ein Vakuum entstanden sei, das die damaligen Maoisten ausfüllen wollten. Es war eine Rechtfertigungsideologie für ihre "Parteigründungen". Heute ist folgendes zu beobachten: Die konservativen Parteien haben sich nach rechts gewandt und an Einfluß verloren. (Siehe Großbritannien, Italien, Schweden ...) Zugleich gewannen Rechtsextreme an Bedeutung. Geradeso entwickelten sich die Sozialdemokraten kräftig nach rechts. Wer hätte sich noch in den 80er Jahren eine "New Labor"-Linie rechts von der deutschen SPD vorstellen mögen? Auch bei den "Roten" gibt es ringsum das heimliche Besteben zu besseren Sozialdemokraten zu mutieren. (Siehe PDS-Führung.) Wie kam es dazu?

Marxisten gehen davon aus, daß Parteien nur dann längerfristig bestehen können, wenn sie eine Klasse oder eine Klassenfraktion vertreten. Deshalb ist es nicht so einfach möglich, daß Parteien politisch Ringelrein spielen. Wieso haben sie es nun in einem gewissen Ausmaß doch gemacht? Die einfache Begründung: Der Zusammenbruch des "realen Sozialismus" hat einen allgemeinen Rechtsruck bewirkt. Das ist sicher richtig, aber erklärt es alles? Weshalb war dann Deutschland fast das letzte Land in Europa indem die alten Mehrheitsverhältnisse bis 1998 erhalten blieben? Wo es doch am unmittelbarsten vom "Roll Back" betroffen war. Gibt es nur politische Gründe, ist es also theoretisch ein reines Überbauproblem?

Wenn Parteien immer Klassen oder Klassenfraktionen vertreten, und SPD und Grüne tun das, weshalb gab es dann in diesen Parteien so dürftigen und halbherzigen Widerstand gegen ihre Positionsveränderung? Ein gewandeltes Kräfteverhältnis, wie nach 1989, erklärt zwar hochmütigere Kapitalmanager, es erklärt eine Rechtsoffensive und eine gelähmte Linke, aber es erklärt nicht wieso eine Klasse ihre Interessen vergißt. Denn trotz allgemeiner Verschlechterung des Lebenslage und massivem Abbau sozialer Errungenschaften entwickelte sich europaweit kein deutlicher Massenunmut. In Frankreich und Italien flammten einzelne Kämpfe auf, die aber sonst auf feuchtem Boden fielen. Weshalb gab es kein aufbäumen? Warum ist die Rebellion nicht die Regel?

Dazu gibt es zwei Erklärungen: Erstens, die Massen sind mittlerweile so dumm wie ihr Führungspersonal. Das schließe ich nicht aus. Oder zweitens, es gab bedeutende Wandlungen in den Klassenbeziehungen, soziale Veränderungen die hinter der Entwicklung stehen. Der Imperialismus ist in eine neue Entwicklungsphase getreten, er versucht seine grundsätzlichen Probleme (tendenzieller Fall der Profitrate) zu lösen indem er seine weltwirtschaftliche Stellung nach innen spiegelt. Zentrum und Peripherie nun verstärkt auch innenwirtschaftlich, sprich Kernbelegschaften und Billiglohnsektor. Mit dieser "Doppelstrategie" ist es ihm möglich, gleichzeitig den Extraprofit bringenden Wettlauf in neue Techniken hochzutreiben und doch das "Humankapital" - die zu jeder Arbeit bereiten armen Schlucker - neu zu entdecken. Damit wird die arbeitende Klasse in neue Schichten zerteilt, in eine alte, gut qualifizierte und in eine neue "untersten Masse". In der Weise wäre die neue Rechtsentwicklung der Sozialdemokratie erklärt. Sie wäre nicht mehr nur der Arbeiteraristokratie verbunden (wie Lenin betonte), sondern nun Vertreterin des alten, höhergestellten Teils der Arbeiterklasse.

Ist das richtig, hätte es weitreichende Folgen. Denn dann entwickelt sich im Parteienspektrum eine Lücke, dort wo die neuen, unteren Schichten der arbeitenden Klasse entstehen (Billiglohnarbeit, Leiharbeiter, Scheinselbstständige ...). Dann würden dort Menschen darauf warten, daß ihre Interessen formuliert und vertreten werden. Denn auch die Gewerkschaften zeigen bisher dieser neuen "untersten Masse" die kalte Schulter. Wir wären da gefordert und hätten zugleich Chancen. Es würde auch der Empfehlung Lenins vom Oktober 1916 entsprechen, der den Schluß zog: "es ist daher unsere Pflicht, wenn wir Sozialisten bleiben wollen, tiefer, zu den untersten, zu den wirklichen Massen zu gehen: darin liegt die ganze Bedeutung des Kampfes gegen den Opportunismus" (Hervorhebung im Original).


Herbert Steeg


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