Gespenstisches geschieht auf der Welt, und ich habe es
nicht gemerkt! Zumindest muß es so sein, sollte das "Manifest
gegen die Arbeit" recht haben. Denn dann ist die Arbeit verschwunden,
gestorben, für immer weg und einer ganzen Gesellschaft fiel es nicht
auf. "Früher haben Menschen gearbeitet, um Geld zu verdienen."
Und weshalb arbeiten sie heute? "Nicht etwa bloß deswegen, weil
sie sich gezwungenermaßen verkaufen müssen, um überhaupt
leben zu 'dürfen', sondern weil sie sich tatsächlich mit diesem
bornierten Dasein identifizieren." Krupp, Bayer, RWE ... alles nur
riesige Freizeitparks? Ich bin verwirrt und grübele. Die Arbeit ist
tot und weshalb wurden wir nicht zur Beerdigung eingeladen?
Manifest gegen die Atmung?
Es ist Nonsens zu streiten, wenn nicht die gleiche Sprache
gesprochen wird. Was also meint das "Krisis"-Manifest mit dem
Begriff Arbeit? Jede menschliche Tätigkeit? Dann wäre es ein
Manifest gegen die Atmung. Aber nein, bereits(!) im Kapitel 5 heißt
es: "Arbeit ist keineswegs identisch damit, daß Menschen die
Natur umformen und sich tätig aufeinander beziehen." Somit ist
nicht jede Form der Arbeit gemeint. Welche also? Die Lohnarbeit? Die entfremdete
Arbeit? (Was nicht das gleiche ist.) Oder? Das "Krisis"-Manifest
vermischt die Erscheinungsformen der Arbeit und verwandelt sie in eine
metaphysische Kategorie: Die "Arbeit" wurde im ausgehenden Mittelalter
(in verwerflicher Absicht) erfunden, beherrschte und bedrückte seitdem
die Gesellschaft um schließlich wieder zu verschwinden, sich in nichts
aufzulösen, so wie die Nacht wenn der Morgen kommt oder der Schnee
im Frühling. Sie hat keinen Vorläufer, es gibt in ihr keine eigene
Entwicklung, sie verändert und wandelt sich nicht.
Die Entwicklung der Arbeit
Ich kann hier quasi nur mit dem Rennwagen durch die Geschichte brausen:
In der Urgesellschaft war das ganze Leben Arbeit. Es gab keine Trennung
in Arbeit, Freizeit, Kultur, stets war mensch kollektiv bemüht das
Überleben zu sichern. Das wurde erst anders, als verbesserte Werkzeuge
eine höhere Produktivität ermöglichten, es einen Überschuß
gab. Nun erst war es möglich und sinnvoll Menschen auszubeuten. Die
Sklaverei wurde erfunden. Für die Sklaven, schließlich die gesellschaftliche
Mehrheit, war wieder das ganze Leben Arbeit (und durchaus oft entfremdete!),
wobei den Sklaven z.B. in Rom kaum die Möglichkeit der körperlichen
Reproduktion gegeben wurde. Rom war also gezwungen sich immer weiter auszudehnen,
um immer neue Sklaven zu "fangen", sonst wären ihm die Arbeitskräfte
ausgestorben. Die herrschende Klasse dagegen hatte Zeit zur Muße,
aber auch zur Entwicklung von Kultur und Wissenschaft. Zuletzt war diese
Gesellschaftsformation am Ende, sie ging unter und machte dem Feudalismus
Platz.
Aus den Sklaven wurden Leibeigene. Diese arbeiteten auf eigenen Feldern,
mußten jedoch "den Zehnten" oder mehr, an ihren Herrn abliefern
und zu weiteren Fronarbeiten zur Verfügung stehen. Ihre Arbeit war
aber ebensowenig wie die der Sklaven Lohnarbeit, da sie ihre Arbeitskraft
nicht verkauften. Sie hatten vielmehr von ihrem Erabeiteten einen Anteil
abgeben. Anders war es bei den Handwerksburschen, wo es zwar auch keine
Begrenzung des Arbeitstages gab, die jedoch durch die Zunftgesetze relativ
geschützt waren. Auch im Feudalismus war die tägliche Schufterei
endlos und der Ertrag meist gering. Noch im zaristischen Rußland
des letzten Jahrhunderts war die Landwirtschaft nicht in der Lage die Bevölkerung
zu ernähren. Selbst leibeigene Bauern, die doch an der "Quelle"
saßen, verhungerten. Auch anderswo, z.B. am Niederrhein beschwerten
sich noch Ende des letzten Jahrhunderts die Knechte darüber, daß
ihnen die Bauern kaum Zeit zum essen ließen. Die ewige Plackerei
auf den Feldern war neben dem Idiotismus des Landlebens der Hauptgrund,
massenweise in die erbärmlichen Verhältnisse der städtischen
Industrie zu flüchten.
In der ersten Phase des Kapitalismus setzte sich mit der Industrie die
Lohnarbeit allmählich durch, die dann in der zweiten Phase des Kapitalismus
beherrschend wurde. Eine neue Stufe der Arbeitsteilung, die immer stärker
perfektioniert wird, zwingt die Arbeiter wie die Soldaten zur Maloche,
immer stärker der Zeitkontrolle unterworfen, in immer ausgeklügelteren
und durchoptimierten Abläufen. Doch schließlich war die Produktivkraftentwicklung
über den Fordismus hinausgewachsen, eine dritte Phase des Kapitalismus
setzte sich durch. War die 2. Phase des Kapitalismus durch das Fließband
geprägt, so die 3. durch den Computer. Er läßt eine völlig
neue Qualität der Arbeitsteilung zu. Der Produktionsablauf kann an
verschieden Stellen des Planeten organisiert werden, kleinere und kleinste
Einheiten werden integriert, die bisherigen Riesenwerke mit ihren Arbeiterarmeen
werden zunehmend überflüssig. Zusammen mit den enorm gewachsenen
Konzernen, die ihre staatliche Einbindung gesprengt haben, wurde noch etwas
neues möglich: Der Ausbau unterschiedlicher Produktivkraftniveaus
in den imperialistischen Zentren, analog der von Marx im Kapital so genannten
"Stufenleiter der Produktivität" zwischen den Staaten.
Die dritte Welt schwappt in die
Erste
Aus der Sicht des "Krisis"-Manifestes ist der
"zweite Arbeitsmarkt" eine fiese Schikane: "Welchen anderen
Sinn sollte es sonst machen, Arbeitslose zur Spargelernte auf die Felder
zwangszuverpflichten?" Und es erklärt sich die moderne Welt so:
"Durch die Simulation von 'Beschäftigung' und das Vorgaukeln
einer positiven Zukunft der Arbeitsgesellschaft wird die moralische Legitimation
geschaffen, umso härter gegen Arbeitslose und Arbeitsverweigerer vorzugehen.
... So wird der wuchernde Sektor von Billiglohn und Armutsarbeit massiv
gefördert." Doch es handelt sich weder um eine ideologisch begründete
Niedertracht noch zeigt das abstrakte Arbeitsethos hier seine wahre Fratze.
Das Kapital nutzt nur seine neuen Möglichkeiten: Wenn ein Konzern
so groß geworden ist wie ein mittlerer Staat, benötigt er die
wirtschaftliche Vermittlungsfunktion eines "Heimatlandes" kaum
mehr. Er wird zur unabhängigen, nicht mehr kontrollierbaren Struktur
mit eigenem Produktivkraftniveau. Warum sollte er weiter der arbeitenden
Klasse irgendeines Landes von seinem imperialistischen Extraprofit Krümel
zuwerfen? Hiermit verstärken sich auch in den Zentren parallele Bereiche
mit unterschiedlicher organischer Zusammensetzung des Kapitals. Die dritte
Welt schwappt in die Erste. Dadurch wird, national gesehen, die durchschnittliche
organische Zusammensetzung des Kapitals gedrückt (niedrigere organische
Zusammensetzung = weniger Maschinen). Das wirkt wiederum dem von Marx formulierten
Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate entgegen. Zweiter Arbeitsmarkt,
Niedriglohn, Scheinselbstständigkeit und der ganze Rattenschwanz haben
hier eine handfeste ökonomische Ursache. Sie sind nicht etwa eine
bösartige Erfindung neoliberaler Ideologen oder "repressive Arbeitssimulation",
sondern ein strategisches Projekt und Ausdruck des Entwicklungsstands der
Produktionsverhältnisse.
Oder aber glaubt das "Krisis"-Manifest an den Endsieg des Robotereinsatzes
("In logischer Fortsetzung der Rationalisierung ersetzt elektronische
Robotik menschliche Energie")? Dann hat es die neuere Entwicklung
verschlafen. Denn die neue robotisierte Fabrik (CIM) steckt längst
in der Krise und nicht umsonst wurde das "human capital" in den
Vorstandsetagen neu entdeckt. Denn die robotisierte Fabrik erzwingt so
etwas wie "Dienst nach Vorschrift" - und das ist eine Streikform.
So kam es das z.B. daß der VW-Konzern keine zweite "Halle 56"
mehr errichtete und General Motors hatte 20 Milliarden Dollar in die CIM-Autoproduktion
gesteckt, mit dem Ergebnis, daß die neuen Anlagen nie die Effektivität
der alten erreichten. Der Computer hat die Produktion revolutioniert, aber
nur durch eine neuartige Einbeziehung des Menschen. Die menschenleere Fabrik
bleibt ein frommer Wunsch des Kapitals. Eine vom Menschen konstuierte Maschine
kann ihn nicht ersetzen oder "überholen". Zudem: Wenn das
"Krisis"-Manifest an den Ersatz von Menschen durch Maschinen
glaubt, so schlägt es dem System eine erhöhte organische Zusammensetzung
des Kapitals vor (= Fall der Profitrate). Das ist für den Kapitalismus
so attraktiv, wie für den Vampir das Tageslicht.
Zieht der Karren den Gaul?
"Die Geschichte der Moderne ist die Durchsetzungsgeschichte
der Arbeit, die auf dem ganzen Planeten eine breite Spur der Verwüstung
und des Grauens gezogen hat." Sagt das Manifest gegen die Arbeit und
erklärt weiter: "Am Anfang stand nicht die angeblich 'wohlfahrtssteigernde'
Ausdehnung der Marktbeziehungen, sondern der unersättliche Geldhunger
der absolutistischen Staatsapparate, um die frühmodernen Militärmaschinen
zu finanzieren. Nur durch das Interesse dieser Apparate, die erstmals in
der Geschichte die ganze Gesellschaft in einen bürokratischen Würgegriff
nahmen, beschleunigte sich die Entwicklung des städtischen Kaufmanns-
und Finanzkapitals über die traditionellen Handelsbeziehungen hinaus.
Erst auf diese Weise wurde das Geld zu einem zentralen gesellschaftlichen
Motiv und das Abstraktum Arbeit zu einer zentralen gesellschaftlichen Anforderung
ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse." Die Gründer des
Kapitalismus waren "die Condottieri der frühmodernen Söldnerhaufen,
die Arbeits- und Zuchthausverwalter, Pächter der Steuereintreibung,
Sklavenaufseher und andere Halsabschneider, die den sozialen Mutterboden
für das moderne 'Unternehmertum' bildeten." Waren sie es wirklich?
Kam die Herrschaft der (Lohn-)Arbeit vor der des Kapitals? Beherrscht sie
die Gesellschaft ("Arbeit ist ein gesellschaftliches Zwangsprinzip")
und nicht das Kapital? Übrigens: Wäre das "Krisis"-Manifest
konsequent, dürfte es nicht dauern den Begriff "kapitalistisch"
verwenden, es müßte ihn ersetzen durch "arbeitistisch",
oder etwa "workoholistisch".
Betrachten wir die Entstehung des Kapitalismus in Deutschland: Die ersten
Industriezentren bildeten sich in der Textilproduktion, z.B. in Krefeld,
und sie entstanden aus dem Handwerk das zunächst zur Hausindustrie
wurde. So beschäftigte der Krefelder Seidenfabrikant von der Leyen
bereits vor 1848 über 3000 Arbeiter die daheim mit geliehenen Webstühlen
arbeiteten. Dann sorgte die Erfindung der Dampfmaschine dafür, daß
diese Arbeiter in Fabriken zusammenzogen wurde. Der Hunger der Dampfmaschinen
nach Kohle machte den Aufbau der Zechen gewinnträchtig. Aus damals
kleinen Dörfern, wie Duisburg oder Essen, wurden schnell große
Städte. Die so erreichte Akkumulation von Kapital trieb die Industrialisierung
voran. Doch noch im Jahr 1882 hatten in Deutschland von 1000 Betrieben
nur 3 mehr als 50 Beschäftigte. Und noch 1907 waren über 60%
der Beschäftigten nicht in der Industrie tätig. Nicht die Lohnarbeit,
sondern das akkumulierte Kapital hatte das Land fest im Griff.
Schon dies eine Beispiel zeigt: Das "Krisis"-Manifest läßt
die Geschichte Purzelbaum schlagen, um schließlich den Marx mit der
Peitsche zum Kopfstand zu zwingen.
Das Ende ist nah?
Hoffnung schöpft das "Krisis"-Manifest
aus einem von ihm vorhergesagten Zusammenbruch des Kapitalismus. Weshalb?
"Industrielle Unternehmen machen Gewinne, die gar nicht mehr aus der
längst zum Verlustgeschäft gewordenen Produktion und dem Verkauf
von realen Gütern stammen, sondern aus der Beteiligung einer 'cleveren'
Finanzabteilung an der Aktien- und Devisenspekulation." Und dort,
wo spekuliert wird, an den Börsen "geht es längst nicht
mehr um die Dividende, den Gewinnanteil an der realen Produktion, sondern
nur noch um den Kursgewinn, die spekulative Wertsteigerung der Eigentumstitel".
Kurz: Wir haben es heute mit einer "kasinokapitalistischen Simulation
der Arbeitsgesellschaft" zu tun. Das kann nicht gut gehen: "Es
ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die Finanzmärkte der kapitalistischen
Zentren in den USA, der EU und Japan kollabieren."
Das Grundprinzip eines Kasinos ist es, daß viele verlieren und ganz
wenige Gewinne einstreichen. Da die meisten Konzerne aber durchweg in den
letzten Jahren satte Profite eingefahren haben, wäre die Börse
die erste Spielhölle die Geld aus dem Nichts schaffen kann. Das "Krisis"-Manifest
erklärt dies als "fiktives Kapital" welches folgendermaßen
entsteht: "Die Vernutzung gegenwärtiger Arbeit wird ersetzt durch
den Zugriff auf die Vernutzung zukünftiger Arbeit, die nie mehr stattfinden
wird." Nach diese Erläuterung glaubt mensch es auf`'s Wort, daß
der Kapitalismus bald zusammenbrechen muß. Erstaunlich, daß
obwohl dieses "fiktive Kapital" selbst in den Massenkonsum enfließt,
es noch nicht zu einer weltweiten rasanten Inflation gekommen ist. Auch
irritiert mich die danach verwunderliche Dummheit der Konzernvorstände,
die immer noch Geld für deutlich erhöhte Dividenden ausgeben,
wo es doch an der Börse darum nicht mehr geht.
Nebenbei: Wenn die "Krisis"-Autoren vom "rapiden Konzentrationsprozeß
des Kapitals" sprechen, meinen sie wohl den Zentralisationsprozeß
des Kapitals. Zur Erläuterung: Von Zentralisation des Kapitals wird
gesprochen, wenn etwa Deutsche Bank und US Bankers Trust sich zusammenschließen.
Konzentration des Kapitals bedeutet dagegen die Einbeziehung neuer Arbeitskraft
in den Akkumulationsprozeß. Eine rapide Kapitalkonzentration wäre
damit das glatte Gegenteil vom Ende der Arbeit.
Doch zurück zum "Kasinokapitalismus". Ähnlich braven
deutschen Finanzbeamten glauben die Manifest-Schreiber anscheinend die
Konzern-Bilanzzahlen und berücksichtigen nicht, daß die Gewinne
aus der Produktion in Niedrigsteuerländern geparkt oder gegen fiktive
Auslandsverluste auf Null gerechnet werden. Völlig neu ist auch die
Expansion der Finanzmärkte nicht. Bereits Anfang unseres Jahrhunderts
gab es ähnliches in England als Folge der Ausbeutung von Kolonien.
1899 waren in Großbritannien die Einnahmen der "Kuponschneider"
fünfmal so groß wie die Jahreseinnahmen aus dem Außenhandel.
So schrieb 1906 der Ökonom Schulze-Gaevernitz: "England wächst
aus dem Industriestaat allmählich in den Gläubigerstaat. Trotz
absoluter Zunahme der industriellen Produktion, auch der industriellen
Ausfuhr, steigt die relative Bedeutung der Zins- und Dividendenbezüge,
der Emissions-, Kommissions- und Spekulationsgewinne für die Gesamtwirtschaft.
Es ist diese Tatsache meiner Meinung nach die wirtschaftliche Grundlage
des imperialistischen Aufschwungs. Der Gläubiger hängt mit dem
Schuldner dauernder zusammen als der Verkäufer mit dem Käufer."
Analog halte ich die heutige Situation auf dem Finanzmarkt für eine
Wiederspiegelung der durch den ungleichen Tausch mit der 3. Welt angehäuften
Werte. Die Finanzspekulation wird zudem durch die Bedürfnisse der
Produktivkraft Wissenschaft angeheizt. Denn die enorme Extraprofite versprechenden
Techniken wie Mikroelektronik, Gentechnik, Mikrotechnik ... verbrauchen
zur Produktentwicklung Geldmengen, die früher unvorstellbar waren.
Dabei ist es unklar, ob diese Investitionen realisiert werden können
oder ob die aufgewendeten Milliarden in den Wind geschrieben werden müssen.
Anders gesagt: Kauft wer den neuen PC, oder warten alle bis wiederum ein
noch neuerer erscheint. Das ist der reale Boden auf dem die aufgeblasene
Börsenspekulation gedeiht. Zusammenbrechen wird das System dadurch
so wenig, wie durch die Arbeitslosigkeit, die stets eine Bedingung des
Kapitalismus war. Mit Lenin bin ich der Meinung, daß es für
den Kapitalismus keine ausweglosen Situationen gibt.
Ist das "Krisis"-Manifest
selbst Aspirin für's Kapital?
Verdienste hat das Manifest gegen die Arbeit überall
dort, wo es die bornierte ökonomistische Sicht der Linken ans Licht
bringt. Und dort, wo es konkrete Kritik der entfremdeten Arbeit leistet,
sowie aller Verhältnisse in denen der Mensch Anhängsel oder Objekt
der Technik ist. In seinen Kernaussagen ist es jedoch ein elegant formulierter
Irrtum.
Welche Alternative zur heutigen Gesellschaft schlägt das "Krisis"-Manifest
vor und wie könnte sie erreicht werden? Durch nichts was aus den gesellschaftlichen
Verhältnissen kommt, sondern durch "Verweigerung und Rebellion
ohne irgendein 'Gesetz der Geschichte' im Rücken. Ausgangspunkt kann
kein neues abstrakt-allgemeines Prinzip sein, sondern nur der Ekel vor
dem eigenen Dasein als Arbeits- und Konkurrenzsubjekt und die kategorische
Weigerung, auf immer elenderem Niveau weiter so funktionieren zu müssen."
Das ist schon logisch, denn wer die Geschichte der Arbeitsgesellschaft
für eine bloße Schurkerei hält, für den ist auch eine
neue Gesellschaft durch einen bloßen Willensakt möglich. Desweiteren
bleiben die Vorstellungen verwaschen: "Die Eroberung der Produktionsmittel
durch freie Assoziationen gegen die staatliche und juristische Zwangsverwaltung
kann daher nur bedeuten, daß diese Produktionsmittel nicht mehr in
der Form der Warenproduktion für anonyme Märkte mobilisiert werden."
Ist das ein Aufruf zur Gründung von Landkommunen und Tauschcooperativen,
die sich jenseits von Warenproduktion, Geld und Staat die Hände reichen?
Falls ja, wodurch unterscheiden diese sich von vorherigen Versuchen? Und
wieso sollte das Kapital (bzw. die Arbeit), falls es ihm gefährlich
wäre, sowas akzeptieren? Bisher hat der Imperialismus keine Mittel
gescheut, gegen alle sozialistischen Ansätze, von Rußland 1917
bis Kuba, konzentriert vorzugehen. Ist ein kleiner schwacher Gegner etwa
schwerer zu bekämpfen als ein großer starker?
Unangenehm wird das "Krisis"-Manifest für die Linke dadurch,
daß es eine prima Rechtfertigungsideologie für politische Aussteiger
abgibt. Die in Nischenexistenzen abgedrängten Genoss/inn/en, die als
Trödelmarktverkäufer o.ä. ihr schmales Auskommen haben,
können nun ihren begonnenen politischen Rückzug theoretisch überhöhen.
Mensch kann passiv sein und sich ohne Gewissensbisse wunderbar dabei fühlen,
hat mensch doch der Arbeitsgesellschaft den Rücken gekehrt. Zudem
ist der Kampf gegen das System ein "antipolitischer", wie das
Manifest gegen die Arbeit meint, also good bye "alte Linke" und
politische Arbeit, ich bin doch der Bessere. Sollte die Linke dem Kapital
z.Z. überhaupt Kopfschmerzen bereiten, könnte das "Krisis"-Manifest
zur leichten Pille werden.
Herbert Steeg
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