Christ Camps Heimatkunde

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Krefeld, 29. April 2012

Gerade habe ich im Stadtmagazin KR-ONE in der Rubrik Heimatkunde die Rezension von Dirk Brall des Buches „Ein Leben Mehr“ von Esther Mujawayo gelesen, in dem es um die Erlebnisse der Autorin im Ruanda-Konflikt in den 90ern geht. KR-ONE Magazin KrefeldBrall wird hier als Leiter des Christ Camps in Krefeld vorgestellt. Anlass meiner Gedanken ist nicht das Buch als solches, dass ich nicht gelesen habe, sondern Bralls Sichtweise auf den Konflikt, die ich nur als verantwortungslos und desorientierend bezeichnen kann. Zitat: „Damals, vor 18 Jahren, bracht ein fürchterlicher Völkermord aus, in dem fast eine Million Menschen umkamen. Der Stamm der Hutus versuchte in einem kaum vorstellbaren Genozid die Tutsis auszulöschen. Der Nachbar wurde zum Mörder. Der Radiosender rief mit Reggae-Rhythmen zum Töten auf. Macheten, die für die Landwirtschaft genutzt wurden, wurden als brutale Mordinstrumente gebraucht. Kirchen, die Schutz für viele geben sollten, wurden zu Massengräbern. Über die Schönheit des Landes zog sich eine tiefschwarze Wolke.“ Und so weiter und so fort.

Warum regt mich das auf? Nicht nur weil diese Darstellung in Teilen falsch ist, sondern weil hier Geschichte als unerklärliches, unverständliches, sozusagen aus dem nichts und vollkommen unmotiviert die Menschen überwältigendes Schicksalsereignis dargestellt wird. Kein Wort über die seltenen Erden, Coltan, Tantal, Niob etc, deren Nachfrage und strategische Wichtigkeit seit den 80ern stetig wuchs, die heute in der Elektronikindustrie unverzichtbar sind und um deren Besitz bzw. Vermarktung sich der ganze Konflikt letztlich dreht(e). Nein, Herr Brall, das war kein vom Himmel gefallener Hassausbruch von durchgedrehten Hutu, kein Ethnozidvirus, kein Fluch Gottes, sondern ein Wirtschaftskrieg um die Coltanvorkommen. Aber das ignorieren Sie vollkommen. Kein Wort über die Einmischung und Beteiligung des Auslands, besonders Frankreichs und der USA, kein Wort über gewinnbringende Waffenlieferungen an die „Rebellen“ wie der „Regierungstruppen“ und deren wechselseitige Unterstützung, kein Wort über das systematische Ignorieren des Konflikts durch die UN auf Betreiben des interessierten kapitalistischen Auslands, kein Wort darüber, dass auch Hutu, die sich gegen die gewaltsame Austragung des Wirtschaftskrieges auf Kosten der ruandischen Menschen und Gesellschaft stellten, von den Vertretern der "eigenen" Regierung, Armee und Milizen massenweise umgebracht wurden.

So wird Geschichte aus erkennbarem ökonomisch interessengesteuertem Verhalten zum nicht verstehbaren Fatum umgedeutet, gegen das es auch keine Eingriffs- und Wirkungsmöglichkeiten für die Menschen gibt: Gegen eine Quasi-Krankheit, die eben so ausbricht, kann man eben nichts machen. Das ist falsch, aber diese Erkenntnis will Brall nicht haben. An die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Ursachen soll nicht gerührt werden. Dass mit der Höhe der Profite auch die Kriminalität und Gewalttätigkeit des Kapitals steigt, dass der neue Imperialismus im Gewande der Globalisierung nicht nur der Ruin der Menschen in Europa („Schuldenkrise“), sondern besonders in Afrika ist, soll einfach als Schicksal hingenommen werden. Handlungsperspektiven für die Menschen, dem Raubtierkapitalismus in die Arme zu fallen und ihn zurückzudrängen und zu überwinden, sollen nicht erkannt werden.

Der „Christ“ Brall scheint lieber die Katastrophen hinnehmen zu wollen, um sie dann zu beklagen und den Trost im Glauben zu finden, ansonsten höchstens noch karitative Nachsorge anzubieten. Ich bin kein Christ, habe aber sehr wohl mit solchen zu tun, und weiß von daher, dass das auch anders geht, dass christlicher Humanismus sehr wohl hier auf Erden tätig sein, auch politisch eingreifen und für Gerechtigkeit und das Wohlergehen der Menschen sorgen kann und will. Ein anders verstandenes Christentum ist reaktionäres Hinnehmen und damit letztlich Rechtfertigen unmenschlicher Verhältnisse. Wer die ändern will, muss sie und ihre kapitalistischen Ursachen erkennen und dann konsequent bekänpfen. Auf dem Parkplatz vorm Biomarkt. In der Hochstraße. Am Seidenweberhaus.

Thomas, Krefeld