Die Früchte des Bösen

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Über die Adalbert-Stiftung und ihre Preisträger

Krefeld, 2005

Kann eine Stiftung, zu deren Preisträgern ehemalige Staatsoberhäupter gehören und die gute Kontakte zu den „neuen" Staaten Osteuropas hat, unseriös sein? Gemeint ist die Krefelder Adalbert-Stiftung.

Letztes Jahr war der Alt-Bundeskanzler Kohl ihr Preisträger, am 11. Juni 2005 wurde der Preis an den ehemaligen Präsidenten der Slowakei, František Mikloško, verliehen, überreicht durch den ungarischen Präsidenten Dr. Mádl. Preisträger waren in der Vergangenheit u.a. der polnische Ministerpräsident Mazowiecki, der Ministerpräsident von Ungarn, Antall, der frühere Erzbischof von Prag, Kardinal Tomášek, sowie der ehemalige tschechische Staatspräsident Václav Havel. Sollte es wirklich so sein, daß keiner von ihnen nachgefragt hat, mit wessen Geld er da bedacht wurde? Dem Adalbert-Preiskomitee gehören u.a. die Botschafter von Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn an. Vorsitzender ist Kardinal Vlk, Erzbischof von Prag. Laudatoren waren u.a. Richard von Weizsäcker, Genscher und Biedenkopf. Ist das nicht bereits Beweis genug für einen honorig-demokratischen Hintergrund? Nein, das ist es nicht.

 

Wer ist die Adalbert-Stiftung?

Die Adalbert-Stiftung wurde gegründet und finanziert durch den Krefelder Unternehmer Paul Kleinewefers. Sie hieß auch zunächst Kleinewefers-Stiftung und wurde erst 1989 in Adalbert-Stiftung umbenannt. Paul Kleinewefers war Nazi-Urgestein in Unternehmerkreisen, „alter Kämpfer" wie das früher hieß. Er unterschied sich von anderen Kapitalisten dadurch, daß er das nie verleugnete. In seinem autobiographischen Buch „Jahrgang 1905" schrieb er 1976: „Die Beseitigung der Demokratie und die Einführung des ‚Führerprinzips' wurde keineswegs überall als Zwang und Diktatur empfunden, denn es war offensichtlich, wie sehr sich die extreme Demokratie selbst ad absurdum geführt hatte." Bei der Ansicht blieb er auch: „Diese Organisation der Wirtschaft (Selbstverwaltung) und der einzelnen Betriebe sowie die Arbeitsfront mit dem Treuhänder der Arbeit empfinde ich auch in der Rückschau noch als eine fast ideale Wirtschafts- und Sozialverfassung im Interesse aller." Und: „Der soziale Frieden in der Bundesrepublik Deutschland hat auch die Wurzel in jenen Jahren und in der segensreichen Aktivität der Deutschen Arbeitsfront."

Paul Kleinewefers hatte im Winter 1928/29 den ersten Kontakt zur NSDAP und wurde 1932 Mitglied. Er war als Jüngster mit dabei, als Hitler vor dem Düsseldorfer Industrieclub seine berühmte Rede hielt („Das Rednerpult ... befand sich etwa fünf Meter von mir entfernt", schreibt er später). So war er vorne an mit dabei, als die Nazis die Macht ergriffen, die Gewerkschaften verboten wurden ... Der Firma Kleinewefers hat das „3. Reich" sichtbar gut getan, sie wurde „Nationalsozialistischer Musterbetrieb". Nach Beginn des Krieges erhielt sie sogenannte „Fremdarbeiter" als Arbeitssklaven. Wenn von denen mal wer nicht spurte, schaltete man eben die Gestapo ein. Überhaupt hatte Kleinewefers zur Krefelder Gestapo ein ausgezeichnetes Verhältnis: „Zu Weihnachten hatten sie gelegentlich ein Fäßchen Bier bekommen, so taten sie mir manchen Gefallen ..."

1988 erschien Kleinewefers zweites Buch „Erneuerung aus der Mitte" gemeinsam geschrieben mit dem rechtradikalen Prof. Bernhard Willms, dem, der auch am Wirtschaftsprogramm der „Republikaner" mitarbeitete. Darin versuchen sie ein „Konzept für die Neugestaltung Mitteleuropas". „Abschied gilt es nach Meinung der Verfasser vor allem vom Prinzip einer einseitigen Westbindung zu nehmen", heißt es im Klappentext. Ziel ist ein neues Gebilde mit Deutschland und Österreich als Kern, und ihrer Hegemonie über Osteuropa, ein Konzept das Ähnlichkeit mit der Lebensraumkonzeption Hitlers hat. Auch die Folgen sind bedacht: „Es ist also unausweichlich, daß die Gesellschaftsverfassung der Zentraleuropäischen Föderation jedenfalls weniger liberal sein wird und muß als die der Bundesrepublik Deutschland und Österreich." Hatte Kleinewefers sich im „3. Reich" bereits einen Betrieb in der besetzten Tschechei angeeignet, den er nach 1945 wieder verlor, so blieb der europäische Osten und der deutsche Einfluß darin sein eigentliches Thema und auch das der Kleinewefers-/Adalbert-Stiftung.

Nach 1945 war die Familie Kleinewefers, nach ihrer Rolle in der Nazidikatur, erstmal gesellschaftlich isoliert. So umgab man sich zunächst mit ehemaligen Nazi-„Kulturschaffenden", wie z.B. Hitlers Lieblingsbildhauer Arnold Breker. Doch bald gelangten sie in die „Gesellschaft" zurück. Kleinewefers-Sohn Jan wurde sogar von 1993 bis 1995 Bundesvorsitzender des einflußreichen Unternehmerverbandes der Maschinenbauindustrie (VDMA). Auch heute sitzt er noch in zahlreichen Gremien, wie etwa dem Stiftungsrat des Internationalen Karlspreis. Doch wie weit Paul Kleinewefers Integration und Einfluß schließlich wieder ging, zeigt die Entwicklung seiner eigenen Stiftung. Mit führend darin war und ist Prof. Dr. Hans Süssmuth (Ehemann von Rita Süssmuth). Die Stiftung arbeitete mehrfach eng zusammen mit der Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU und dem Düsseldorfer Industrieclub (Nachfolger von genau jenem!). Das Paul Kleinewefers sich auch an anderer Stelle profilierte tat keinen Abbruch. Etwa 1999 - im Alter von 94 Jahren - in der Zwangsarbeiterdebatte durch einen Artikel in der rechten Zeitschrift „Soldat im Volk". Zitat: „Wir Betriebsführer in der damaligen Rüstungsindustrie standen unter dem Druck, bestimmte Leistungen in der Produktion von Waffen, Maschinen, Geräten usw. zu erbringen, abgesehen von der vaterländischen Pflicht, unsere Aufgabe ebenso selbstverständlich zu erfüllen, wie man das von den Soldaten an der Front erwartete."

Was ist die Adalbert-Stiftung?

Die Adalbert-Stiftung war seit ihrer Gründung eine Art Scharnier zwischen Rechten, Konservativen und (immer mehr) Prominenten aus Politik und Industrie. Geprägt wurde sie durch ihren Stifter. Aber sie benötigte schon früh einen Vorstandsassistenten für die Alltagsarbeit und fand ihn in Dr. Frank Ebeling. Ebeling schrieb seine Dissertation zur Geopolitik und befaßte sich darin mit der Konzeption Haushofers, dem geistigen Vater der NS-Lebensraumkonzeption während des „3. Reiches". „Eine Würdigung der nationalsozialistischen Vorstellungen Haushofers in dieser Form kann heute getrost neofaschistisch genannt werden", schrieb dazu die Zeitschrift „Der rechte Rand". So war er wohl für die Arbeit in der Stiftung voll tauglich. Die Tagungen der Adalbert-Stiftung, etwa die „Leutherheider Foren", waren stets ein Mix aus „seriösen" konservativen Referenten und Leuten wie z.B. Dr. Manfred Lauermann. Lauermann ist ein Ex-68er der in die rechte Szene abgedriftet ist und z.B. zusammen mit Reinhold Oberlercher vom rechtsextremen „Deutschen Kolleg" Referent bei der berüchtigten Burschenschaft Danubia war. Lauermann vertrat auch den erwähnten Prof. Willms vorübergehend auf seinem Lehrstuhl und nach Willms Tod im Frühjahr 1991 schrieb er den Nachruf im rechten „Criticon". Das „Leutherheider Forum" der Adalbert-Stiftung leitete Lauermann gleich dreimal: 1993, 1994 und 1997. 1997 sprach er dort über das von ihm entdeckte „Soziale im Nationalsozialismus".

Ende der 90er kam es zu heftigen Streitigkeiten und einem verbissen geführten Gerichtsprozess zwischen dem Vorstand der Adalbert-Stiftung und Kleinewefers. Nach Aussagen des Stiftungs-Vorstandes ging es um einen, von wem und mit welcher Absicht auch immer, geschriebenen Brief an die polnische Botschaft - mit der sie damals bereits zusammenarbeiteten - in dem die NS-Vergangenheit Kleinewefers dargestellt wurde. Das führte zu ernsten Verstimmungen. Daraufhin habe man vereinbart, daß Kleinewefers ausscheidet und sein Name im Stiftungstitel nicht mehr auftaucht. Der war aber nicht einverstanden und warf im Gegenzug den Vorstandsmitgliedern Dickel und Süssmuth Mißbrauch von Stiftungsgeldern vor. Wie das auch weiterlief, Paul Kleinewefers ist inzwischen verstorben, und der Stiftungsvorstand umgebildet. Die Kleinewefers-Tochter Antje mußte ihn u.a. verlassen. Neu hinzugekommen ist z.B. der Direktor der katholischen bischöflichen Akademie Henrix.

Wichtiger als die Personen ist die Frage: Hat sich die Politik der Adalbert-Stiftung seither verändert? Davon ist nichts zu bemerken. Selbst die Vergabe des letzten Preises an Kohl war bereits Ende der 90er geplant, wurde damals aber im Zusammenhang mit der Spendenaffäre ausgesetzt.

Die Adalbert-Stiftung ist ein Beispiel dafür, wie konservative und rechte Strukturen sich verzahnen, Trennlinien verschwimmen und nicht mehr erkennbar sind. Der Faschismus ist kein Problem einer rechten Subkultur, er kommt aus der Mitte der Gesellschaft.

Brief von Kleinewefers an die Gestapo