| DKP linker Niederrhein | Alles verändert
sich,
warum nicht der Imperialismus?
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So unbeliebt wie bei den meisten Schülern
die Mathematik, so unbeliebt ist bei vielen Marxisten die Ökonomie,
von der mensch aber die wichtigsten
Grundfolgerungen zu wissen glaubt. So werden die Krisen für
die Jahreszeiten des Kapitalismus gehalten, der Imperialismus mit modernem
Kolonialreich gleichgesetzt und Globalisierung mit Internationalisierung.
Das wäre nicht sonderlich schlimm - oft denken so Genoss/inn/en die
handfest im Klassenkampf stecken - würde es nicht die Diskussion hemmen
und die Richtungsfindung der Partei beeinflussen. Weiter machen einige offene theoretische
Probleme die Diskussion schwierig. So argumentiert die geniale Studie Lenins
"Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus"
rein empirisch. Eine treffende Untersuchung des Imperialismus mit dem Marx`schen
Instrument der Wertanalyse ist mir (außer dem frühen Versuch
Rosa Luxemburgs "Die Akkumulation des Kapitals") nicht bekannt. Folgende
Problembereiche mit unterschiedlichen Einschätzungen sehe ich: 1.
Ist der Kapitalismus in eine neue, dritte Phase der Entwicklung
eingetreten? 2.
Wenn ja, wodurch ist diese Phase charakterisiert? 3.
Richtet sich die grundsätzliche Aggressivität des Imperialismus
heute gegen die "3. Welt", oder ist perspektivisch mit einem
Weltkrieg der Zentren gegeneinander zu rechnen? 4.
Welche Klassenveränderungen sind in den Zentren und in der
3. Welt zu erwarten? In einigen der Diskussionsbeiträge
in der UZ tauchen zudem Mißverständnisse auf, so bezüglich
"Weltstaat" und "Ultraimperialismus". Zu 1.
Ja, der Kapitalismus ist in eine neue, dritte Phase getreten. Wer
daran zweifelt sollte bedenken: Als Lenin den Imperialismus beschrieb,
galten Unternehmen als Trusts, deren Größe heute als "Mittelständler"
bezeichnet würden. Inzwischen haben die Konzerne einen Umfang der
mittlere Industriestaaten übersteigt. Das gewachsene Quantität
gesetzmäßig in neue Qualität umschlägt, dürfte
zum marxistischen Grundwissen gehören. Nicht das der Kapitalismus
in eine neue Phase eingetreten ist, ist überraschend. Nein, überraschend
und ein theoretisches Problem wäre es, hätte er seine Struktur
wie zu Lenins Zeiten behalten. Zu 2. Viele (u.a. auch Hans Heinz
H.) meinen bei der Globalisierung handele es sich nur um eine weitere
Zentralisation und Konzentration des Kapitals. Aber darum geht es bei dieser
Phase des Kapitalismus nicht ausschließlich (und damit auch um nichts
was in Richtung "Ultraimperialismus" geht). Denn parallel zur
"Fusionswelle" geht eine Ausgliederungs- und Zerteilungsbewegung.
Alte Namen verschwinden und neue Konzerne entstehen plötzlich. Und
keineswegs nur "unprofitable Werke", nein sogar marktbeherrschende
Unternehmen mit bester Finanzsituation (wie z.B. Messer-Griesheim) werden
verkauft. Wer das nicht als Umstrukturierungsphase begreift, kann an der
Logik kirre werden. Hans Heinz H. sieht den Ursprung der
Globalisierung in der "Überakkumulation des Kapitals".
"Die Profite übersteigen den Investitionsbedarf für einen
gesättigten (und durch die Verelendung der Ausgebeuteten tendenziell
schrumpfenden) Markt bei weitem." Nun sollte mensch berücksichtigen,
daß es eine zweite Variante gibt, die die Börsentendenzen und
Entwicklungen der letzten Jahre genausogut, ja, vielleicht sogar besser
erklärt. Könnte es nicht sein, daß es sich um eine neue
Periode grundlegender Reproduktion handelt? Das fundamental neue technische
Möglichkeiten die Umstrukturierung der Produktionsmittel über
die normale, erweiterte Reproduktion hinaus nötig machen? Dann wäre
das Problem nicht das übersteigerte Kapitalangebot, nein, es würde
dem Kapitalismus daran gebrechen, daß der augenblickliche Kapitalbedarf
zu groß ist und gleichzeitig der zu erwartende Profit unsicher. Die "Überakkumulationstheorie"
führt logisch zur "Casino-Kapitalismus"-These. Aber wer
würde vor einem "Casino" Schlange stehen, in dem es perspektivisch
nicht viel zu gewinnen gibt? Und weshalb sollte eine ausgefuchste Werbebranche
mit allen Tricks weltweit versuchen den letzten Malocher dazu zu bewegen,
seinen Sparstrumpf zur Börse zu tragen, wenn das gesellschaftliche
Problem darin besteht, daß es zuviel Kapital gibt? Handelt es sich heute um eine Phase grundlegender
Reproduktion, so ergeben sich daraus völlig andere Folgerungen, als
wenn es um eine chronische
Überakkumulation geht. Die Überakkumulationsthese geht davon
aus, daß der Imperialismus des letzten Jahrhunderts sich inzwischen
in eine krisenhafte Sackgassensituation entwickelt hat und damit weitere
Instabilitäten, Zuspitzungen und Zusammenbrüche bevorstehen.
Die Kurz`sche Krisis-Gruppe, die eine ähnliche Theorie vertritt, prophezeit
deshalb seit Jahren folgerichtig einen bevorstehenden Zusammenbruch des
Kapitalismus. Geht mensch aber von einer Phase der grundlegenden Reproduktion
aus, so ist diese nur logisch, wenn der Kapitalismus in eine neue, dritte
Stufe der Entwicklung eingetreten ist. Dann jedoch ist nach den Turbulenzen
der Umgestaltung mit einer zunächst eher ruhigeren und stabileren
Periode zu rechnen. Unübersichtlich wird eine jede Einschätzung
dadurch, daß das Geld sich weiterentwickelt hat, vom Goldgeld in
der ersten Phase des Kapitalismus zum Kreditgeld in der Zweiten und inzwischen
dem beliebig verschiebaren Rechengeld heute. In der ersten Phase des Kapitalismus
gab es sowas wie ein Weltgeld, das an den Goldwert gefesselt war. Die verschiedenen
Währungen unterschieden sich wirklich nur durch ihre Bezeichnung,
so wie es etwa auch für die Länge oder das Gewicht verschiedene
Bezeichnungen (Maße) gab und gibt, die aber stets einfach umzurechnen
sind. Die Währungen schwankten nur unwesentlich zum Wert (wie Eugen
Varga zeigt, waren die Abweischungen vor 1914 minimal). Das wurde anders
in der Epoche des Imperialismus, wo die Ausbeutung der 3. Welt auf den
verschiedenen Produktivitäten der Nationalökonomien fußt.
Der Wert der einzelnen Währungen begann nun sich vom Gold abzukoppeln
und deutlich untereinander zu differieren. Zugleich wurde der Kapitalexport
immer wesentlicher. Das Papiergeld als Staatskredit entwickelte sich, und
durch den Verlust der "Golddeckung" erhielt der Begriff "Wechselkurs"
erst seine jetzige Bedeutung. Die heutige, 3. Phase des Kapitalismus charakterisiert
folgendes: Das Geld ist nun dabei sogar seine Form als Geldzeichen zu verlieren,
es existiert vorwiegend "bargeldlos", als Recheneinheit zwischen
Konto und Konto. Es wurde zum Rechengeld. Noch vor wenigen Jahrzehnten
wurde der Lohn bar, als "Lohntüte", ausgezahlt und hätte
jemand in der 70ern erzählt, daß bald viele Arbeitende Kreditkarten
besitzen und damit von ihrem Konto bezahlen, er wäre mitleidig belächelt
worden. Dieses Rechengeld verbunden mit der modernen EDV schafft die früher
undenkbare Möglichkeit Kapital und Kredit in jeder Menge blitzschnell
an jeden Ort dieses Planeten zu mobilisieren, vorausgesetzt es verspricht
Gewinn. Und der moderne Kapitalist ist nicht mehr darauf angewiesen zu
warten, bis sich sein Mehrwert durch den Verkauf der Waren realisiert hat.
Er kann selbst kleinste eingehende Summen wieder in den Wertschöpfungsprozeß
zurückfließen lassen. Eine Folge ist die Zunahme des Umsatzes
der Börsen. Es gibt scheinbar mehr Geld. Es war die EDV die sowohl
das Rechengeld, als auch die globale
Produktion möglich gemacht hat. War früher tatsächlich der
Preis, den eine Ware erzielen konnte, noch die zuverlässigste Information
über ihre Rolle im gesellschaftlichen Produktionsprozeß, so
hat die EDV das Verhältnis umgekehrt. Durch die EDV und das Internet
wäre heute eine weltweite Produktion einfacher und effektiver ohne
das Geld zu bewerkstelligen, wenn, ja wenn es das Privateigentum an den
Produktionsmitteln nicht gäbe. Aus einem weiteren Grund ist mir die
"Überakkumulations-These", wie auch alle anderen Theorien,die
in den wuchernden Finanzen den Hort des Bösen sehen, suspekt. Es ist
die böse Nachbarschaft zum schaffenden und raffenden Kapital, der
wir den marxistischen Blick auf die Produktionsbedingungen entgegenstellen
sollten. "Nicht was
gemacht wird, sondern wie, mit welchen Arbeitsmitteln gemacht wird, unterscheidet
die ökonomischen Epochen. Die Arbeitsmittel sind nicht nur Gradmesser
der Entwicklung der menschlichen Arbeitskraft, sondern auch Anzeiger der
gesellschaftlichen Verhältnisse, worin gearbeitet wird."
(K. Marx, Kapital I, MEW 23, S. 195) Es war die Dampfmaschine, die die
Frühzeit des Kapitalismus revolutioniert hat. Dann veränderte
das Fließband die Arbeitsverhältnisse in der Anfangszeit des
Imperialismus grundlegend und so prägend wie der Computer die heutige
Arbeitsweise. Dadurch ist es möglich geworden, den Arbeitsprozeß
neuartig zu zerstückeln und den Produktionvorgang für eine Ware
auf verschiedene Orte des Globus zu verteilen. Gab es früher den ordinären
Handel zwischen Zentrum und Peripherie, wobei in den Zentren die Rohstoffe
in moderne Produkte verwandelt wurden, wurde nun aus diesem Handel immer
mehr eine Produktionskette. In diesem gobalen Produktionsprozeß werden
heute etwa 1/3 aller Warenströme konzernintern abgewickelt. Damit
wird die Rolle des Konzern-"Mutterstaates" entwertet. Mit den
neuen Techniken zur räumlichen Zerteilung des Produktionsprozesses
ist auch das Ende der Riesenwerke in Sicht, in denen Armeen von Arbeitenden
tätig sind. Heute stimmt nicht mehr, was Lenin für die imperialistische
Phase richtig erklärte: "der auffallend rasche Prozeß
der Konzentration der Produktion in immer größeren Betrieben
ist eine der charakteristischen Besonderheiten des Kapitalismus". Das Elend vieler Genoss/inn/en ist ihr
gedankliches kleben am Nationalstaat. In der Frühzeit des Imperialismus
bedurften die damaligen Konzerne ihres "Mutterstaates" um zu
wachsen und sich in der konkurrierenden Welt durchzusetzen.
Sie konkurrierten und bekämpften sich international, vermittelt
über den Staat. Nun wo die Konzerne ihren Kinderschuhen entwachsen
sind und selbst die Größe von Staaten haben, benötigen
sie diese Vermittlerfunktion immer weniger, und selbst der SPIEGEL weiß
inzwischen "dass die Bedeutung nationaler Regierungen gegenüber
den globalen Unternehmen immer geringer wird" (3/2002). Nicht
umsonst sollten im MAI-Abkommen transnationale Konzerne mit Staaten gleichgesetzt
werden. Der Imperialismus entwickelt die Staaten,
die ihm einst "Wagenburg" waren, von einem Schutz, von dem manchmal
auch Konzern-Arbeiter/innen etwas hatten, zu Ketten: Keine Hochzollpolitik
wie ehedem, Waren dürfen international frei zirkulieren, die Grenzen
sollen Menschen aufhalten vor allem, wenn sie aus der 3. Welt kommen. Der
Staat ist den Konzernen immer mehr reines Unterdrückungsinstument,
nach innen und nach außen. Er wird zum "schlanken Staat". Zu 3. Die Formel vom "kollektiven
Imperialismus" (den ich lieber "übernationaler Imperialismus"
nennen würde) enthält in keiner Weise eine Tendenz zu einem imperialistischen
"Weltstaat". Gäbe es einen "Weltstaat", gäbe
es keinen Imperialismus, denn der fußt ja auf dem ungleichen Tausch
zwischen den verschiedenen nationalen Produktivkraftniveaus. Keine Nationalstaaten,
kein ungleicher Tausch. Imperialismus ist auch keine Beschreibung
für den Staat XY oder eine bestimmte Politikrichtung. Genau darüber
stritt zu Beginn des letzten Jahrhunderts Lenin mit Kautsky, letzterer
meinte, Imperialismus wäre die "bevorzugte Politik" des
Finanzkapitals. Nein: Imperialismus ist eine politisch-ökonomische
Phase des Kapitalismus. Der Versuch die Entwicklung des Imperialismus aus
der Betrachtung der Tagespolitik herzuleiten ist daher im Kern sozialdemokratisch.
(W.I. Lenin: "Denn der Beweis für den wahren sozialen
oder, richtiger gesagt, den wahren Klassencharkter eines Krieges ist selbstverständlich
nicht in der diplomatischen Geschichte des Krieges zu suchen, sondern in
der Analyse der objektiven Lage der herrschenden Klassen in allen kriegführenden
Staaten.") Das Beispiel von Patrik K. läßt zudem die
Möglichkeit zu völlig entgegengesetzten Schlußfolgerungen.
Glaubt mensch an einen bevorstehenden Weltkrieg der Zentren, wäre
es sinnvoll, sich deren Militärplanungen und Rüstungsvorhaben
anzusehen. Und da deutet nichts in diese Richtung. Die Bundeswehr z.B.
wird gerade umstrukturiert zu einer gegen die 3. Welt einsetzbaren Truppe.
Beschrieb Lenin noch die Schwerindustrie
als den Kern des Imperialismus, die "sich alle übrigen Zweige
der Industrie tributpflichtig macht", so ist deren einstige, beherrschende
Macht lange verwelkt. Wer nicht die Stahlwerkruinen des Ruhrgebiets besichtigen
will, sollte sich mal das "Who is who" der Superreichen ansehen.
Heute kommen gerade mal 18%
der deutschen Milliardäre aus dem einstigen Kernbereichen. Außerdem,
was ist die Röchling-Familie mit 1,4 Mrd. Euro gegen die Albrecht-Brüder
(Aldi) mit 10 Mrd. Euro? Die einst so stolze Schwerindustrie ist nun ungeliebte
Nr. X in der kollektiven Hand des Finanzkapitals. Nichts ist hier mehr
wie zu Lenins Zeiten. Wem das nicht reicht: Auch Stalin hielt noch 1952
einen Krieg zwischen den großen kapitalistischen Staaten - trotz
deren gemeinsamer Frontstellung gegen den Sozialismus - für "unvermeidlich"
und hat sich damit herrlich blamiert. Wollen wir das wiederholen? Zu 4.
In den Zentren entwickelt sich immer stärker ein neuer "2.
Arbeitsmarkt", der in Konkurrenz zur "alten Arbeiterklasse"
in den Großbetrieben steht. In Österreich arbeitet bereits ein
Drittel der Beschäftigten im ungeschützten, prekären Bereich.
Die "3. Welt" schwappt in die "Erste". Und in der "3. Welt" verfaulen
die bisherigen Mittelschichten und schaffen damit den Humus für faschismusähnliche
Bewegungen. Der "islamische Fundamentalismus" ist da möglicherweise
erst der Vorbote. (Alle Lenin-Zitate aus "Der
Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus") Dieser Beitrag kann diskutiert werden in unserem Forum. |
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